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Der Alltagssammler

Mahmoud Dabdoub ist 1981 aus Beirut nach Leipzig gekommen. Über Jahre dokumentierte der palästinensische Fotograf den Alltag der Menschen in der DDR. 

Erschienen in: Dossier Tastatour der Journalistenakademie München (2009)

Mahmoud Dabdoub ist 1981 aus Beirut nach Leipzig gekommen. Über Jahre dokumentierte der palästinensische Fotograf den Alltag der Menschen in der DDR. Seine Bilder sind jetzt in München zu sehen. Die Autorin hat Mahmoud Dabdoub getroffen und mit ihm über seine Arbeit und sein Leben gesprochen.

Der Soldat sitzt allein auf der Kirchenbank. Seine Uniformmütze hat er abgenommen, die Hände auf den Oberschenkeln gefaltet. Er schaut ernst, ist in sich versunken, als würde er beten. „Danke“, sagt Mahmoud Dabdoub leise zu ihm, nachdem er auf den Auslöser gedrückt hat. Und ist erstaunt. Dachte er doch immer, der Kommunismus kenne keinen Gott. Das war 1983 in der Leipziger Nikolaikirche. Mahmoud Dabdoub erinnert sich genau an den Tag: „Ich war mit meinem Lehrer in der Kirche, um Architekturbilder zu machen.“ Mahmoud Dabdoubs Augen glänzen, wenn er davon erzählt. Damals lebte der junge Palästinenser gerade zwei Jahre in der DDR und studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie.

‚Der Soldat in der Kirche’ ist eines der Bilder, die in München bis zum 1. November in der Aspekte-Galerie im Gasteig zu sehen sind. Mahmoud Dabdoub hat für die Ausstellung „Alltag in der DDR“, die von der Münchner Volkshochschule organisiert wurde, Fotografien aus den 80er-Jahren zusammengestellt. Entstanden sind die Bilder in Leipzig und bei seinen Reisen quer durch die Republik. Sie lassen ein verschwundenes Land auferstehen, so wie es Mahmoud Dabdoub, der Palästinenser, gesehen hat. Wir schauen Kohlenträgern beim Frühstück zu, sehen Schornsteinfeger, die sich unterhalten oder einen Jungen, der fasziniert in ein Schaufenster voller Spirituosen schaut. Skurril muten manche der eingefangenen Momente an: Eine Frau treibt eine Schafherde durch die Straßen, vorbei an bröckelnden Fassaden. Ein Mann schiebt einen Rasenmäher über den Leipziger Boulevard. Dass die Bilder erst in den 80er-Jahren entstanden sind, glaubt man kaum. Vielleicht auch, weil sie in ihrer dokumentarischen Schwarz-Weiß-Ästhetik an den französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson erinnern, der 1947 die berühmte Photoagentur Magnum mitbegründete.

„So würdevoll, so ein bisschen verrückt“

Gut 15.000 Alltagsbilder hat Dabdoub in der DDR gemacht. Stundenlang sei er durch die Straßen gelaufen, erzählt er, habe das Merkwürdige und scheinbar Nebensächliche eingefangen. Ihn interessierten Typen, die „so würdevoll, so ein bisschen verrückt“ aussahen. Sein Fremdsein habe ihm nicht geschadet, im Gegenteil. „Kein Problem, Sie können uns fotografieren“, sagte 1987 in Neustrelitz eine Nonne zu ihm, „Sie sind ja nicht von hier.“ Fremd hat sich Mahmoud Dabdoub in der DDR nicht gefühlt. Er mochte das Leben und die Menschen dort. „Ich kam nicht in die DDR, um das Land zu befreien“, meint der 51-Jährige heute.

Doch das Wort ‚Freiheit’ hat für den Palästinenser Dabdoub einen ganz eigenen Klang, wenn er an die Flüchtlingslagern im Libanon denkt und an die Mauer, die die  Palästinenser von der übrigen Welt abschottet – wie die DDR-Bürger damals. Dabdoub zieht Parallelen. Die friedliche Revolution 1989 in der DDR nennt er Intifada. Doch er weiß auch: „In Deutschland ist die Situation anders, das kann man überhaupt nicht vergleichen.“

„Mein Gott, wann passiert das den Palästinensern?

Das Jahr 1989 hat er sehr bewusst erlebt, hat gesehen, wie Menschen friedlich protestierten und von der Polizei abgeführt wurden. Fotos habe er nicht gemacht. „Ich hatte so einen Schiss, sagt er. „Man wusste nicht, wer neben einem steht.“ Ihm war damals klar, dass die DDR auch ein hässliches Gesicht hat. Am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, war er zufällig in Berlin. Er hat gesehen, wie die Menschen auf dem Kurfürstendamm sich weinend in den Armen lagen und gedacht: „Mein Gott, wann passiert das den Palästinensern?“

Der Fotograf lebt noch heute in Leipzig. Die Stadt ist zu seiner Wahlheimat geworden. Eigentlich wollte Dabdoub nach dem Studium zurückgehen nach Beirut. Als die israelische Armee 1982 in den Libanon einfiel, wurden seine Pläne zunichte gemacht. Für seine Diplomarbeit flog er dennoch in den Libanon und fotografierte in den Flüchtlingslagern, in Baalbek, Shatila oder Burj al Barajneh. Diese Bilder haben ihn bekannt gemacht.

„Weder mit Kalaschnikow, noch in Uniform“

Mahmoud Dabdoub wurde selbst in einem Flüchtlingslager geboren, in Baalbek, wohin seine Eltern 1948 nach der israelischen Staatsgründung geflohen waren. In der Heimat seiner Familie, in Galiläa, sei er noch nie gewesen. Seine warmen Augen verdunkeln sich, während er das sagt. Doch er hofft, endlich dorthin reisen zu können, seitdem er deutscher Staatsbürger ist. Schon früh träumte er von einem anderen, besseren Leben. Seine ersten Fotos habe er mit 16 oder 17 gemacht, erinnert er sich. Vom gesparten Taschengeld kaufte er beim Fotografen Filme und lieh sich eine Kamera. Sein Vater arbeitete in einem Steinbruch. Nie hätte er über die Lippen gebracht: „Papa, gib mir Geld.“ Später, als er in Beirut im palästinensischen Kulturbüro arbeitete, hat ihm sein Bruder aus West-Berlin eine Praktica vom Flohmarkt mitgebracht. Die Fotos, die in dieser Zeit entstanden, gelangten in die Hände des Malers Ismail Shammout, des Generalsekretärs des palästinensischen Künstlerverbandes. Mit großem Respekt erinnert er sich an seinen Mentor, der zu ihm gesagt hat: „Mahmoud, du gehst studieren. Ich will dich nicht hier in Beirut sehen, weder mit Kalaschnikow, noch in Uniform.“ So kam er nach Leipzig. Seine einzige Waffe ist bis heute die Kamera.